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Paul Hindemith: „1922“ Suite for Piano / Three Piano Sonatas

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Artikelnummer: NEOS 12021 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Mai 29, 2020

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PAUL HINDEMITH
»1922« Suite für Klavier · Drei Klaviersonaten

»Können Sie auch Fox trots, Bostons, Rags und anderen Kitsch brauchen? Wenn mir keine anständige Musik mehr einfällt, schreibe ich immer solche Sachen. Die gelingen mir sehr gut, und ich denke mir, Sie könnten mit einem solchen Stück mehr Geschäfte machen als mit meiner besten Kammermusik. (Guter Kitsch ist ja auch furchtbar selten)«, fragte der selbstbewusste Paul Hindemith 1920 sein Verlagshaus Schott in Mainz, das die Frage postwendend bejahte. Ein Beispiel für »solche Sachen« ist die Klaviersuite »1922« op. 26, die das Jahr ihrer Entstehung programmatisch im Titel trägt. Mit Ausnahme des ernsten Nachtstücks in ihrer Mitte besteht sie aus stilisierten Modetänzen und ist damit zugleich als Parodie der barocken Suite zu verstehen. Dem abschließenden Ragtime stellte Hindemith eine freche »Gebrauchsanweisung« voran. Die Suite wurde im Oktober 1922 von Carl Friedberg in Berlin uraufgeführt.

Schon bald nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 sah sich Hindemith mit Gerüchten konfrontiert, seine Musik sei offiziell verboten; verunsicherte Konzertveranstalter nahmen seine Werke deshalb von ihren Programmen und luden ihn nicht mehr als Solisten ein. Die Uraufführung seiner Symphonie »Mathis der Maler« im März 1934 löste einen monatelangen publizistischen Schlagabtausch zwischen reaktionären NS-Kulturwächtern, die seine Musik als »kulturbolschewistisch« verunglimpften, und moderater gesonnenen Hindemith-Befürwortern aus. Im Dezember 1934 sprach der Propaganda-minister Goebbels ein Machtwort: »Gewiß können wir es uns nicht leisten, angesichts der auf der ganzen Welt herrschenden, unsäglichen Armut an wahrhaft produktiven Künstlern auf einen echten deutschen Künstler zu verzichten. Aber es soll dann eben ein wirklicher Künstler sein, kein atonaler Geräuschemacher.« Hindemiths Beurlaubung von seiner Professur an der Berliner Musikhochschule auf zunächst unbestimmte Zeit verdüsterte seine Zukunftsaussichten in Deutschland weiter. In dieser Situation erreichte ihn das Angebot der türkischen Regierung, Pläne für eine nach westeuropäischem Vorbild orientierte Musikerausbildung in Ankara auszuarbeiten. Bis 1937 unternahm er dazu insgesamt vier mehrwöchige Reisen in die Türkei. Dort begann er im April 1936 mit der Arbeit an der ersten Klaviersonate. Vollendet wurde sie nach der Rückkehr in Berlin, von wo aus seine Frau Gertrud an den Verleger Willy Strecker schrieb: »Ich bin neugierig, was Sie dazu sagen, es wird ein ganz großes Stück! Und dazu ein herrlicher, aber wehmütig und sonderbar anzüglicher Text.« Sie spielte damit auf das Gedicht Der Main von Friedrich Hölderlin an, das Hindemiths eigener Angabe zufolge »die Anregung zur Komposition dieser Sonate« gab. In dem Gedicht steht der durch Frankfurt führende Fluss als landschaftliche Metapher für das Objekt von Hölderlins unerfüllter Liebe, die Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard (die er in seinen Gedichten als »Diotima« verewigt hat). Es enthält zwei Strophen, in denen Hindemith Parallelen zu seiner eigenen Situation gesehen haben mag:

Zu euch vielleicht, ihr Inseln! gerät noch einst
Ein heimatloser Sänger; denn wandern muß
Von Fremden er zu Fremden, und die
Erde, die freie, sie muß ja, leider!

Statt Vaterlands ihm dienen, solang er lebt,
Und wenn er stirbt – doch nimmer vergeß ich dich,
So fern ich wandre, schöner Main! und
Deine Gestade, die vielbeglückten.

Anfang Juli 1936 schrieb Hindemith nach Mainz: »Lieber Willy, hier bekommen Sie die bewusste Sonate und damit Sie nicht glauben, die Senilitas sei schon im Anzuge, habe ich gleich noch einen kleineren Bruder beigelegt: Ich habe gleich noch eine hinnedruff gemacht, so zur Übung. Sie ist das leichtere Gegenstück zu der immerhin gewichtigen ersten.« Der Pianist Walter Gieseking, der als Solist für die Uraufführung im Gespräch war, erhielt durch Willy Strecker sogleich Einblick in die Manuskripte: »Gestern war ich bei Gieseking, der mir beide Sonaten vorspielte. Die erste Sonate hatte er mehrmals durchgespielt und machte seine Sache ganz vorzüglich. Die zweite Sonate hatte er erst ein oder zwei Mal gelesen, spielte sie aber auch meisterhaft.«

Weil Gieseking Einwände gegen den zweiten Satz der ersten Sonate hatte, einen Variationensatz in langsamem Zeitmaß, tauschte Hindemith diesen gegen einen neuen aus, mit dem der Pianist nun sehr zufrieden war. Wohl bestärkt von dessen positiver Reaktion, begann Hindemith Ende Juli mit der Komposition der dritten Sonate, die am 20. August vollendet war.

Der kurze Kopfsatz der Ersten Klaviersonate, in dem zwei Themen lediglich exponiert und mit einer Coda abgeschlossen werden, dient weniger selbst als repräsentativer Beginn des Werkes, sondern vielmehr als Vorspiel zum gewichtigen zweiten Satz, einem Trauermarsch mit dem genreüblichen punktierten Rhythmus über langsam schreitenden Vierteln. Im dritten Satz bricht sich aufgestaute Energie Bahn. Der vierte Satz, eine in veränderter Reihenfolge erklingende Rekapitulation der Motive aus dem Kopfsatz, besitzt wie dieser die Funktion einer Einleitung zum komplex strukturierten Finale.

Die Zweite Klaviersonate ist angesichts ihres geringeren Umfangs, der leichter fasslichen Themen und geringeren pianistischen Anforderungen dem Bereich der Laienmusik zuzurechnen. Tatsächlich wird dieser Bezug auch in musikalisch-thematischer Hinsicht deutlich: Der Beginn des Kopfsatzes ist aus dem Thema des Anfangschors von Hindemiths Laien-Kantate Frau Musica op. 45 Nr. 1 (1928) abgeleitet. Der tänzerische zweite Satz ist als Scherzo mit einem synkopierten Trio-Mittelteil konzipiert. Es folgt ein heiteres Rondo, das von einer langsamen Einleitung samt Coda eröffnet wird und mit der abschließenden Wiederholung dieser Coda nachdenklich endet.

Die Dritte Klaviersonate beginnt mit einem lyrischen Siciliano, das in seinem Mittelteil dramatischere Züge annimmt. Die Rahmenteile des scherzoartigen zweiten Satzes durchpulst ein schwungvoller Themenkopf; eilige Achtel bestimmen den Mittelteil. Ein Trauermarsch, ein Fugato und ein Arioso sind die kontrastreichen Elemente des dritten Satzes. Im Schlusssatz, einer großangelegten, sich sukzessive verdichtenden Doppelfuge, wird das Fugato-Thema aus dem dritten Satz nochmals aufgegriffen und kunstvoll eingebunden.

Als Gastgeber der Olympischen Spiele gab sich Berlin im Sommer 1936 vorübergehend weltoffen und liberal. Hatte sich Hindemith deshalb Hoffnungen auf eine Verbesserung seiner eigenen Perspektiven gemacht, so wurde er bald enttäuscht. Ein im Oktober 1936 erlassenes Aufführungsverbot aller seiner Werke verhinderte neben der offiziellen Premiere der Ersten Sonate durch Walter Gieseking auch die von diesem geplante Uraufführung der Zweiten Sonate. Die Dritte Sonate präsentierte Hindemiths nach England emigrierter Schüler Franz Reizenstein in London erstmals bei einem Konzert vor geladenem Publikum; die öffentliche Uraufführung spielte der puertoricanische Pianist Jesús María Sanromá im April 1937 in New York. Ungeachtet des Aufführungsverbots erschienen alle drei Werke Anfang 1937 im Druck.

Susanne Schaal-Gotthardt

Programm:

Paul Hindemith (1895–1963)

“1922” Suite für Klavier op. 26 (1922) 20:01

[01] I Marsch 01:38
[02] II Shimmy 04:24
[03] III Nachtstück 07:18
[04] IV Boston 05:04
[05] V Ragtime 02:37

Sonate I in A (1936) 26:40

[06] I Ruhig bewegte Viertel 02:19
[07] II Im Zeitmaß eines sehr langsamen Marsches 07:51
[08] III Lebhaft 06:52
[09] IV Ruhig bewegte Viertel, wie im ersten Teil 02:10
[10] V Lebhaft 07:28

Sonate II in G (1936) 12:58

[11] I Mäßig schnell 02:51
[12] II Lebhaft 01:58
[13] III Sehr langsam – Rondo. Bewegt 08:09


Sonate III in B
 (1936) 20:12

[14] I Ruhig bewegt 05:06
[15] II Sehr lebhaft 03:04
[16] III Mäßig schnell 07:08
[17] IV Fuge. Lebhaft 04:54

total playing time: 80:58

Andreas Skouras, piano

This recording is dedicated to Dr. Wilhelm Schmidt with great gratitude. (Andreas Skouras)

Pressestimmen:

25.11.2020

Freches Kunststück

Für das Klavierwerk Paul Hindemiths, dessen 125. Geburtstag am 16. November gefeiert wurde, hat Glen Gould 1973 in seiner Einspielung der drei Sonaten Pionierarbeit geleistet. Nur einige wenige Pianisten sind ihm auf Tonträgern gefolgt. Famos getoppt wird das vom in München lebenden und wirkenden Cembalisten und Pianisten Andreas Skouras auf seiner bereits achten CD für das Münchner Neue-Musik-Label NEOS. […]

Nun gelingt ihm in der frechen „Suite 1922“ und in den drei 14 Jahre später entstandenen Sonaten Hindemiths wieder ein Kunststück. […]

Klaus Kalchschmid


12/20

[…] in der episch-expansiven ersten Sonate, mit der Hindemith seine Emigration aus Nazideutschland mit einem der Musik vorangestellten Hölderlin-Motto ankündigt, gelingt es Skouras, den aus Wehmut und Hoffnung seltsam gemischten Tonfall auch als ein Zeitdokument spürbar zu machen.

Giselher Schubert

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