Philipp Maintz: Orchestra Works – Vol. 1

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Artikelnummer: NEOS 11712 Kategorie:
Veröffentlicht am: Juli 3, 2018

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FÄDEN UND HÄNGENDE GÄRTEN

Bekanntlich gehören sowohl »Hedera helix« als auch die »Campsis tagliabuana«, die »Hydrangea petiolaris« und auch der »Euonymus fortunei« zur Gattung der Kletter- und Schlingpflanzen. Pflanzen, die keine stützenden Strukturen ausbilden und die – das verbindet sie miteinander – an verschiedensten Achsen entlang wachsen können, sich dabei winden und Fäden ziehen. Jene Pflanzen scheinen nur ein Ziel zu verfolgen: immer weiter, immer wilder. Sie schrauben sich mal links-, mal rechtsherum – und manchmal kehren sie sogar um und wachsen gewissermaßen zu sich zurück.

Dieser zunächst vielleicht merkwürdig anmutende Ausflug in die Botanik ist kein Zufall: »Es bilden sich richtige Schlingpflanzen…« schreibt Philipp Maintz bezüglich der formalen Disposition seines 2017 in der Berliner Philharmonie durch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Christoph Eschenbach, der auch der Widmungsträger des Werkes ist, uraufgeführten Orchesterwerkes hängende gärten und deutet somit ein vortreffliches Assoziationsfeld an, das einen sogleich fesselt und die Fantasie anregt.

Nicht nur die Tempi und formalen Dispositionen sind ineinander verschlungen und lassen den Hörer einen stets in unterschiedliche Richtungen wuchernden Formplan ahnen, auch das unmittelbare klangliche Ereignis hat durch seine zahlreichen, häufig winzig verästelten Linienführungen etwas von pflanzlichen Wucherungen. Allerdings wuchern, um im Bild zu bleiben, hier kein weitgehend einfarbiges Gestrüpp, sondern stets bunte, prachtvolle und wilde Gewächse – nicht von ungefähr spielt der Titel auf eines der sieben antiken Weltwunder an: die sagenumwobenen und von zahlreichen antiken Dichtern besungenen hängenden Gärten der legendären assyrischen Königin Semiramis. »Genau dieses Bild«, so der Komponist, »passte für mich am besten zum Gedanken dieses Orchesterstückes: einerseits als eine Anlage, in der man Pflanzen setzen, begärtnern, pflegen und wachsen sehen kann (ja, eigentlich ›Musik aus Musik‹ schreiben) – andererseits aber auch ein ›Sehnsuchtsgarten‹, in dem es schön blühen, aber auch wuchern soll.« Maintz hat in vorangegangen Werken häufig mit derlei formalen und motivischen Wucherungen sowie zarten Linien gearbeitet, die gelegentlich und nur für kurze Zeit in den polyphonen Geflechten aufscheinen, bevor sie sich schon wieder in eine andere musikalische Gestalt verwandelt haben.

In hängende gärten arbeitet Maintz ebenso versessen, ja fast besessen an Details: Paradigmatisch herausgegriffen sei die Harfenstimme der ersten beiden Takte. Maintz notiert hier sieben Töne, die sich bei näherer Betrachtung als jeweils unterschiedliche Färbung lediglich einer Tonhöhe (f1) in vier unterschiedlichen Varianten (als Oktavflageoletts oder als chromatische Verwechslung) entpuppen. Hinzu kommt, dass jede Tonhöhenvariante auch eine Entsprechung in der Gestaltung der Dynamik hat – und so auf kürzestem Raum die zarte Pflanze »f« von unterschiedlichsten Seiten gehegt und gepflegt wird. Doch aus manch zarter Linie kann auch eine gewaltige Kraft hervorgehen, wenn sich etwa aus einem fast beiläufigen Bassklarinettensolo einige Töne abspalten, sich ins Tutti des großbesetzten Orchesters verlagern und es zu unvorhersehbaren und stark rhythmisch geprägten, fast gefräßigen Passagen kommt. Jene hängenden Gärten sind ganz offenbar nicht nur zart und bunt, in ihnen lauert stets die Gefahr: Auch der giftige »Schmerzwurz« ist eine Schlingpflanze, und jener treibt selbst in den schönsten Gärten sein struppiges Unwesen.

Die drei der Sängerin Marisol Montalvo und dem Dirigenten Christoph Eschenbach gewidmeten Orchesterlieder des tríptico vertical basieren auf dem Quinto tríptico vertical des argentinischen Dichters Roberto Juarroz (1925–1995), dessen Werk in Europa gegenwärtig noch verhältnismäßig wenig rezipiert wird. Maintz berichtet, dass der Pianist und Liedspezialist Axel Bauni ihn auf Juarroz aufmerksam gemacht hatte: »Wenn Gedichte gleich bei der ersten Begegnung etwas in mir zum Klingen bringen, sind die Voraussetzungen ideal.«

Die fast rücksichtslose Hinwendung zur gleichermaßen lyrischen wie expressiven melodischen Linie erscheint in tríptico vertical noch deutlicher als in hängende gärten, da Maintz hier sich ganz und gar auf die Entfaltungsmöglichkeiten der Stimme Marisol Montalvos konzentriert, der das Werk im Wortsinne auf den Leib geschrieben wurde. Das Orchester, häufig äußerst sparsam und kammermusikalisch gehalten, reagiert – fast seismographisch – auf die feinsten inhaltlichen wie sprachlichen Schattierungen des Textes. Auch hier sei exemplarisch der Beginn herausgegriffen.

In Juarroz’ Text heißt es: »No tener más objetivos / que las manos abiertas – Keine weiteren Ziele haben / als die offenen Hände«. Die Stimme beginnt, zunächst in recht tiefer Lage, mit einer ebenso schlichten wie introvertierten melodischen Linie. Die Idee der »offenen Hände« hat sowohl ein klangliches als auch ein strukturelles Echo, denn ganz offen beginnt auch das Werk: Noch hat sich kein festes Tempo oder gar ein Metrum etabliert – die Passage ist beinahe improvisatorisch zu singen – »libero« heißt es in der Partitur. Und auch die Orchesterbegleitung muss erst aus der Offenheit des Nichts entstehen: Neben wenigen, kaum hörbaren Schlagzeugklängen spielen einige Streicher einen tonlosen, nur gehauchten Klang auf dem Steg – die Stimme hat gewissermaßen eine instrumentale Lunge um sich herum, die Luft gibt, aber zugleich auch Luft und Raum lässt und stets gemeinsam mit den Andeutungen des Textes atmet. Und während die Stimme sich immer weiter entfaltet, dauert es im Orchester einige Zeit, bis auch dort endlich klare Tonhöhen hervortreten. Im dritten Lied geht Maintz darüber hinaus und lässt der Stimme einen noch viel weiteren Raum, sich zunächst unbegleitet entfalten zu können. Das Nichts des Orchesters ist hier die zunächst leere Bühne für die Stimme: »Hilos que se desprenden de la ausencia, mínimas fluctuaciones del vacío – Fäden, die sich von der Abwesenheit lösen, kleinste Schwankungen der Leere…«

Fäden und kleinste Schwankungen: Mit solchen Metaphern ließen sich, auch das verdeutlicht die intime Verwandtschaft der beiden auf dieser CD versammelten Werke jenseits der Besetzung oder der großformatigen Anlage, ebenfalls die wilden Wucherungen in hängende gärten beschreiben. Und so wird offenkundig, dass Maintz in tríptico vertical nicht bloß einen Text im traditionellen Sinne vertont, sondern im Umgang mit ihm vielmehr auch Auskunft über grundlegende ästhetische Positionen gibt, die weit über das konkrete Werk hinausreichen: Maintz komponiert Fäden, die stets unter Hochspannung zu stehen scheinen. Dabei ist das Ohr fortwährend auf der Hut, denn wann die Fäden reißen – das bleibt ungewiss.

Gordon Kampe

Programm:

[01] hängende gärten for large orchestra (2016/2017) 21:19
Commissioned by Deutsches Symphonie-Orchester Berlin and Basel Sinfonietta

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Christoph Eschenbach
, conductor

[02] tríptico vertical music for soprano and large orchestra (2012/2014) 26:16
on poems by Roberto Juarroz

Commissioned by Münchner Philharmoniker
Live Recording

Marisol Montalvo, soprano
Münchner Philharmoniker
Christoph Eschenbach
, conductor

 

total playing time: 47:40

 

World Premiere Recordings

Pressestimmen:

#6_2018

(…) … widmet sich Philipp Maintz in den drei zusammenhängenden Liedern des tríptico vertical … vor allem der Gestaltung von wechselnden Atmosphären: Im Mittelpunkt steht eine ständig neu ansetzende, aus Einzelphrasen zusammengefügte Gesangslinie der Sopranistin, die sich, von Marisol Montalvo dynamisch ausgefeilt und mit feinsten Vibratoschattierungen vorgetragen, geschmeidig durch den Tonraum bewegt und immer wieder auch von gezackten Koloraturen durchzogen ist. (…) Hinter all dem steht – durch die hervorragende Klangqualität der Produktion unterstrichen – unverkennbar die Vorliebe für das Melos, die Maintz‘ Musik manchmal sympathisch altmodisch wirken lässt.

Stefan Drees

 

Januar 2019

Treffend vergleicht Philipp Maintz seine Orchestermusik mit Kletter- und Schlingpflanzen, die „keine stützenden Strukturen ausbilden und an verschiedenen Achsen entlang wachsen, sich dabei winden und Fäden ziehen. Manchmal kehren sie sogar um du wachsen in sich zurück“. (…) Maintz‘ Musik ist stark rhythmisch betont. Er staffelt den Orchesterapparat auf. So ergeben sich Schichtungen, die permanent ineinander- und auseinanderlaufen. Ganz anders „triptico vertical“: In den Liedern nach Gedichten des argentinischen Dichters Roberto Juarroz steht der Sopran von Marisol Montalvo dem eher begleitenden Orchester vor. (…) Teilweise muss die Sopranistin Passagen allein meistern. Sie tut es mit Bravour.

Tilman Urbach

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