Georges Aperghis, Salvatore Sciarrino, Bernd Alois Zimmermann, Gérard Grisey: Works for Viola Solo

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Artikelnummer: NEOS 10920 Kategorie:
Veröffentlicht am: April 15, 2010

Infotext:

Werke für viola solo

Erst im 20. Jahrhundert entsteht für die Bratsche ein eigenständiges Solo-Repertoire. Vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der man der Virtuosität und dem spätromantischen Pathos misstraute, beginnen die dunklen Farben, das Schlichte, aber auch das Raue und Kernige der Bratsche zu interessieren. Allerdings bleiben viele Werke einem traditionellen Kompositionsstil verpflichtet, bei dem sich neoklassische Einflüsse mit freitonaler Melodik mischen.

Das erste Werk, das mit dieser Tradition radikal bricht und zugleich eine neue Ära in der Bratschenliteratur einleitet, ist die Sonate für Viola solo von Bernd Alois Zimmermann. Von nun an etabliert sich ein neuer Umgang mit der Bratsche: Das Instrument mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen, seinen Qualitäten, aber auch Macken steht vermehrt im Mittelpunkt der Kompositionen. Dieses »instrumentale« Denken ist allen Werken dieser CD gemeinsam, die Umsetzung allerdings ist sehr unterschiedlich und durchaus gegensätzlich.

Bernd Alois Zimmermanns Sonate hat einen tragischen privaten Hintergrund. Das Werk ist ein zwölfteiliges Requiem auf den Tod der kurz nach der Geburt verstorbenen Tochter Barbara: »…an den Gesang eines Engels« steht hier als Widmung und zugleich als Untertitel. Die Anspielung an Alban Bergs Violinkonzert mit der Widmung »Dem Andenken eines Engels« ist offensichtlich, wichtig aber auch der Unterschied: Es geht bei Zimmermann um den Gesang eines Engels. Dieser Gesang konkretisiert sich im Schlussteil der Sonate im Lutherchoral Gelobet seist du, Jesu Christ. Die mittelalterliche Melodie des Chorals wird im Tritonus-Abstand als Kanon geführt, wobei die Stimmen unterschiedlich schnell verlaufen. Der Tritonus-Abstand erzeugt eine chromatische Harmonik, die sich wie ein feinmaschiges Netz über den zwölftönigen Kontext der Sonate legt. Die langsame Kanonstimme setzt auf as ein, die sie überholende schnelle auf Zimmermanns Schicksals- und Todeston d. Später wird die Melodie in Engführung gesetzt, was eine Art Bratschenchor evoziert, und zwar genau bei den Worten »des freuet sich der Engel Schar«.

Zimmermann, der tief religiös erzogen wurde, ist dieser enge Textbezug, der an allegorische Kompositionsverfahren von J. S. Bach erinnert, so wichtig, dass er in der Partitur den Text über die Noten geschrieben hat. Der religiöse Hintergrund – wenn auch vielfach gebrochen – wird auf diese Weise offensichtlich. Was diesem Choral vorausgeht, ist eine scheinbar chaotische Reihung kurzer Momente. Zimmermann hat diese Momente in eine zwölfteilige, motivisch wie rhythmisch vielfach ineinandergreifende Form gezwungen, die wie ein Bachsches Choralvorspiel auf den Choral hinführt. Das Werk ist mithin ein sehr komplexes Beispiel absoluter Musik. Zugleich wird heute aber auch der in den Fünfziger Jahren kaum beachtete programmatische Hintergrund immer deutlicher wahrgenommen: Ein Requiem auf ein kaum gelebtes Leben, das in wenigen Einzelmomenten zerrann und nur als Gesang in »der Engel Schar« eine Hoffnung findet.

Volte-Face von Georges Aperghis, das jüngste Stücke auf dieser CD, wirkt neben diesem engst verknoteten Choralvorspiel wie eine freie Fantasie von Carl Philipp Emanuel Bach, ein assoziatives Sprechen bis zur Erschöpfung. So wie eine Sprache aus Silben besteht, mit denen Worte gebildet werden können, so setzt sich Aperghis’ sprechende Musik aus Kleinstmotiven zusammen, die in immer anderen Kontexten aufscheinen. Da wird nichts verrätselt oder versteckt, sondern wir sind als Hörer immer dabei, alles ist klar, und gerade deshalb verstehen wir auch diese Volte-Face, dieses Umschwenken, den ständigen Wechsel. Die Bratschistin kann sich nicht festlegen, springt mal hin, mal her. Gegensätzliche Elemente, z. B. Pizzicato–Arco, Aufwärts–Abwärts, Sprünge–Skalen, Hoch–Tief, Schnell–Langsam, jagen sich virtuos oder überlagern sich. Das Wesen dieser Musik lässt sich mit Ausdrücken des Vokalen am besten umschreiben: Flüstern, Trillern, Schreien, Keuchen, Vibrieren. Die Bratschistin agiert überkandidelt, beinahe fiebrig. Erst im letzten Drittel der Komposition schrumpft die exaltierte Gestik plötzlich ein und führt bis zum fast vollständigen Verstummen, – so als hätte sich die Volte-Face erschöpft. Im Pianissimo und anfänglich in einfachen Quinten und Quarten wird die Musik wie neu eingestimmt. Nach diesem Ruhepunkt werden die Elemente allerdings in noch engeren Wechseln und Kombinationen nebeneinander gestellt, bis dieses Bratschensprechen zum Schluss gleichsam kollabiert.

In den beiden Kompositionen von Salvatore Sciarrino geht es nicht um Klarheit sondern vielmehr um Verwischung: Kaum ein hörbarer oder erkennbarer Ton, kaum eine Struktur oder Spieltechnik, die man genau identifizieren könnte. Wie durch Blaupause hindurch ist diese Musik gekritzelt, nur an wenigen Stellen drängt die Energie eruptiv hervor, aber nur kurz, eher wie ein bloßes Zeichen für die vibrierende Energie unter der fein ziselierten Oberfläche. Die einzelnen Stücke verharren gleichsam im Zustand der Dämmerung, die Konturen verlieren sich: eine statisch flirrende Klangwelt.
In Prologue von Gérard Grisey breitet sich die Musik wie eine Wellenbewegung aus: In regelmäßigen Perioden, deren Länge den Sätzen der Sprache entsprechen, baut Grisey einen Tonraum auf, der nur ein einziges Obertonspektrum ausschreitet, nämlich jenes vom Kontra-E aus (E’–E–H–e–gis–h–d’–e’…). Die tiefste Saite der Bratsche wird um einen halben Ton auf H herunter gestimmt, um dieses Spektrum vom 3. Teilton an akustisch realisieren zu können. Die natürlich eingestimmten Obertöne evozieren einen riesigen Klangraum, weil auch die akustisch nicht klingenden tiefen Töne des Spektrums wie Phantome hörbar sind. Der früh verstorbene Grisey war ein genialer Akustiker, er war aber auch ein verkappter Expressionist, und diese Seite bricht im zweiten Teil des Prologue hervor: Hier wird nämlich in kratzenden und kreischenden Glissandi jede Tonhöhen- und Klangkontrolle preisgegeben. Der anschließende Epilog wirkt wie ein Klangschatten, ein Ausklingen auf dem Ton d, jenem Ton, der im Klangspektrum des ersten Teiles die Naturseptime bildete und der auf dieser CD mit Bernd Alois Zimmermanns Todeston korrespondiert.

Roman Brotbeck

Programm:

Works for Viola Solo
Anna Spina, viola

Georges Aperghis (*1945)
[01] Volte-Face (2001) 09:53

Salvatore Sciarrino (*1947)
[02] Ai limiti della notte (1979) 09:22

Bernd Alois Zimmermann (1918–1970)
[03] Sonate für Viola solo (1955) 09:10

Salvatore Sciarrino (*1947)
Tre notturni brillanti (1974) 09:20
[04] di volo 03:27
[05] scorrevole e animato 03:24
[06] prestissimo precipitando 02:29

Gérard Grisey (1946–1998)
[07]  Prologue (1976) 16:59

total time 54:45

Pressestimmen:


6/2011

Musikalische Wertung: 5
Technische Wertung: 5
Repertoirewert: 5
Booklet: 5
Gesamtwertung: 5

Die Bratschistin Anna Spina drängt es hinaus ins Offene. Nach musikalischen Grenzen sucht sie geradezu, um diese in lustvoll intellektuellem Spiel zu überwinden. […] Dass diese Musiken von fragiler Verfassung nicht einfach zu einem Katalog der artistischen Errungenschaften der Moderne werden, ist dem fein abwägenden Ohr Anna Spinas für Klangvaleurs und -mixturen zu verdanken.

http://www.musikderzeit.de/de_DE/journal/issues/showarticle,33574.html

 


06/2011

 

 


02/2011

 

 


09/2010

 


09/2010

 

 


07/2010

 

 


20.06.2010

Vielseitiges Violaspiel

Qualitativ hochwertiges Violaspiel, das konnte ich vor einiger Zeit anlässlich einer Einspielung von Kompositionen Mieczysław Weinbergs durch die Bratscherin Julia Rebekka Adler erfreut feststellen, hat derzeit Hochkonjunktur. Tatsächlich setzen sich die meisten jungen Talente mit ihrem ganzen Können dafür ein, dass das Instrument jenseits der weit verbreiteten Klischees wahrgenommen wird. In diesem Sinne hat die Schweizerin Anna Spina auf ihrer bei NEOS erschienen CD eine Reihe von fünf Solokompositionen aus den vergangenen sechs Jahrzehnten vereinigt, die mit früheren Spieltraditionen brechen und explizit auf die Erforschung neuer Ausdrucksbereiche setzen.

Ältestes Werk in diesem Reigen ist Bernd Alois Zimmermanns ‚Sonate für Viola‘ (1955), in deren Verlauf der Komponist die Möglichkeiten der Bratsche neu bestimmte und erweiterte, indem er den Rahmen einer streng kontrapunktischen Setzweise – man könnte das Werk als eine Art moderner Choralbearbeitung bezeichnen – bis zu den Grenzen des spieltechnisch Möglichen ausdehnte. Spinas Wiedergabe der Sonate ist nicht nur im Hinblick auf eben diese geforderten spieltechnischen Details phänomenal, sondern kann darüber hinaus auch in Bezug auf Klarheit und Sorgfalt ihrer Formung musikalischer und klanglicher Strukturen stellvertretend für die gesamte Produktion stehen.

Gérard Griseys ‚Prologue‘ (1976) wirkt in Spinas Interpretation weniger geschlossen als in anderen Einspielungen. Dies hängt damit zusammen, dass die Bratscherin hier ganz bewusst die Kontraste zwischen den disparaten Texturen – den figurativen Bewegungen im Tonraum einerseits und den immer wieder angestimmten Repetitionen des Grundtons andererseits – in den Mittelpunkt stellt und dadurch von der kompositorisch nachvollzogene Erschließung eines Obertonspektrums und dem damit verbundenen Entwicklungsverlauf ablenkt. Indem sie zugleich die zunehmend in den Verlauf eingelassenen Rauigkeitswerte und Störungen betont, macht sie das Werk zu einer packenden Studie zu den Übergangsbereichen zwischen Klang und Geräusch.

Konsequenterweise stellt die Interpretin dem ‚Prologue‘ die nahezu zeitgleich entstandenen Werke ‚Ai limiti della notte‘ (1979) und ‚Tre notturni brillanti‘ (1974) von Salvatore Sciarrino gegenüber, deren Wirkung fast ausschließlich auf der Anwendung differenzierter Geräuschwertigkeiten besteht. Faszinierend ist es, den energetischen Prozessen zu lauschen, die Spina unter der Oberfläche des jüngeren Stücks aufdeckt, um sie zu verwischten, flirrenden Konturen zu formen. Noch eindrücklicher geraten allerdings die ‚Notturni‘, bei deren Wiedergabe die körperliche Komponente der von Sciarrino eingeforderten Virtuosität – vor allem deren unauflösliche Verbindung mit dem Atem und den Bewegungen der Musikerin – sehr deutlich, geradezu mit bildhafter Prägnanz hervortritt.

Wiederum auf ganz andere Weise zeigt Spina schließlich, mit welchen interpretatorischen Facetten sie auf die monologische Situation reagiert, die Georges Aperghis in ‚Volte-Face‘ (2001), dem jüngsten Stück der eingespielten Werkauswahl, entwirft: Hier erscheint ihr Spiel passagenweise zärtlich und – teils gar ironisch – verspielt, wird dann wiederum mit heftigen Ausbrüchen konfrontiert, bewegt sich dabei aber immer in einem Assoziationsraum, der den Hörer an einen gesprochenen Monolog zu erinnern vermag. Dass die CD bereits nach knapp 55 Minuten zuende ist, mag ist ein wenig bedauerlich; allerdings wartet sie dafür mit einer enorm vielseitigen Annäherung an das Repertoire für solistische Viola auf, die jedem Hörer empfohlen sei, der sich nicht vor dem Neuen scheut.

Dr. Stefan Drees

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

 


04/2010

El renacer de la viola

La viola siempre ha sido considerada como un instrumento gris, perdida entre los grandes protagonistas de la cuerda frotada: el violín y el violonchelo. Y, en consecuencia, muchas veces olvidada en su papel de solista o a solo. En nuestro tiempo (y no sólo en él, como veremos) ningún instrumento escapa al interés del compositor, como demuestran los registros que presentamos, dos de ellos del sello alemán NEOS y, el tercero, de AEON.

El CD más reciente, aparecido hace unos días, lleva por título ”Works for Viola Solo” que, de la mano de la helvética Anna Spina, nos presenta un recorrido por compositores fundamentales de nuestro tiempo: Georges Aperghis, Salvatore Sciarrino, Bernd Alois Zimmermann y Gérard Grisey.

De Aperghis (Atenas, 1945) -por cierto, del que Spina fue alumna- podemos escuchar una obra de 2001, Volte-Face, en la que el compositor trabaja sobre un discurso con presencia de la tradición aunque sin que el gesto “clásico” se presente de forma retórica.

Dos obras de Sciarrino (Palermo, 1947), ambas de los años setenta del pasado siglo, nos situan ante su poética de forma diversa. En Ai limiti della notte (1979) podemos observar y disfrutar de su apelación poética al silencio y a esa frontera que lo separa del sonido. En Tre notturni brillanti (1974) nos encontramos a otro Sciarrino, más cercano quizá a una estética dionisiaca, en la que incluso podemos ver algunos gestos -no evidentes, por supuesto- que bien podrían atribuirse a determinados elementos culturales provenientes de su origen siciliano.

De Zimmermann (Bliesheim, 1918 – Königsdorf, 1970) podremos escuchar Sonate für Viola solo, pieza de 1955 en la que el autor alemán hace emerger la expresividad dramática del instrumento, entre veladas citas a Bach.

Finalmente, Anna Spina nos propone una versión “eléctrica”, aunque lejana a cualquier efectismo fácil, de Prologue (1976), de Grisey (Belfort, 1946 – París, 1998), en la que los relieves se construyen -esta vez seguro- en un festival dionisiaco en el que se explota el instrumento en su vertiente más violenta y furiosa.

Mikel Gunkian

La viola sigue cotizando alto en el ámbito contemporáneo y cada vez aparecen más trabajos que reúnen grandes páginas del repertorio de los siglos XX y XXI. Así, al reciente recorrido de Christophe Desjardins en el excelente Alto/Multiples (Aeon) hay que sumar Works for Viola Solo de Anna Spina, que sin abandonar sus raíces clásicas discurre con máxima efervescencia y efectividad por los cauces de la modernidad sonora.

Alumna de Georges Aperghis y miembro entre otros conjuntos del Nouvel Ensemble Contemporain, Spina entrega versiones elaboradas con detallismo de orfebre, buscando -como es habitual en estos casos- exhibir el colorista abanico tímbrico de su instrumento, pero sin ceder aquí a la llamada del efectismo.

Tentación que roza en su tremenda lectura de Prologue de Gérard Grisey, donde subraya el lado expresionista a veces oculto de esta música por medio de un festival de glissandi y estallidos de las cuerdas, llegando por momentos al límite de una viola(ción) en toda regla por la brutalidad de los ataques en su exploración de los armónicos. Impactante traducción, equilibrada a lo largo del disco por sus matizadas versiones de dos piezas de Salvatore Sciarrino, Ai limiti della notte y Tre notturni brillanti, de sonoridades exquisitamente variadas para descubrir en esa zona colindante con el silencio todo un universo de poesía.

Lirismo que se tiñe de acentos trágicos en la célebre y oscura Sonata de Bernd Alois Zimmermann, con sus desvaídas citas a Bach y largas sucesiones de células en apariencia caóticas, articuladas por una serie de alientos y motivos rítmicos.

Spina incluye además Volte-Face de Aperghis, fantasía sabiamente elaborada a partir de contrastes entre agudos y graves, tiempos lentos y rápidos, timbres punzantes y aleteantes, registros en lo que la intérprete no deja de demostrar su dominio.

Javier Palacio

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