Erhard Grosskopf: SprachKlang · VoiceSound

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Artikelnummer: NEOS 12012 Kategorie:
Veröffentlicht am: Mai 29, 2020

Infotext:

ERHARD GROSSKOPF – SprachKlang · VoiceSound
Elektroakustische Werke

»Klang komponieren ist etwas anderes als mit Klängen komponieren«, äußerte Erhard Grosskopf im März 2020 in einer Porträtsendung bei Deutschlandfunk Kultur. Seine hier veröffentlichten elektroakustischen Werke hatten bei den Entstehungsprozessen 1969–1972 besondere Bedingungen: analoge Studiotechnologie und mehrkanalige, räumliche Klang-Projektionen. Das Gemeinsame dieser frühen elektronischen Kompositionen Grosskopfs ist: Verräumlichung, prozessualer Charakter, Sprache, elektronische Klanggenerierung.

Nach den Gründungen der ersten Studios für Elektroakustische Musik wurde das in den 1960er-Jahren entstandene Instituut voor Sonologie der Rijksuniversiteit Utrecht durch seinen langjährigen Direktor, den Komponisten Gottfried Michael Koenig, sehr schnell zu einem der renommiertesten Studios weltweit, das auf hohem Niveau spannungskontrollierte Studiotechnik einsetzte. Als der 35-jährige Erhard Grosskopf 1969 als einer von sechs deutschen Komponisten den Kompositionsauftrag für das Kugelauditorium der EXPO’70 erhielt, wollte er für Dialectics seine Elektronik unbedingt im Utrechter Studio realisieren, was ihm auch ermöglicht wurde. In den darauf folgenden Jahren 1971 und 1972 war Grosskopf auf Einladung von Koenig wissenschaftlicher Mitarbeiter in Utrecht, um dort seine Kompositionen Prozess der Veränderung und Night Tracks erarbeiten zu können. Die Analogbänder Grosskopfs aus der Utrechter Zeit wurden 2020 von Kees Tazelaar digitalisiert, dem Direktor des Institute of Sonology, The Hague, wo das ehemalige Utrechter Studio heute beheimatet ist.

Dialectics op. 9 (1969)
ist als Kompositionsauftrag der Bundesrepublik Deutschland für die EXPO’70 in Osaka entstanden. Es dürfte ein Novum gewesen sein, dass die BRD in diesem Rahmen zeitgenössische Musik präsentierte, neben dem US-amerikanischen »Pepsi Pavillon«, der u. a. mit John Cage und David Tudor vertreten war. Der Architekt Fritz Bornemann entwarf den deutschen Kugelpavillon: vier unter der Erde liegende, kreisförmige Hallen sowie ein kugelförmiges Auditorium über der Erde, dessen Form mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen abgestimmt wurde. Diese Kugel hatte 30m Durchmesser und bot Platz für 800 Zuhörer. Das Elektronische Studio der Technischen Universität Berlin konzipierte in Zusammenarbeit mit der Firma Siemens eine variable Anzahl von Lautsprechern in insgesamt 50 Gruppen auf mehreren horizontalen Ringen des Auditoriums. Aus nahezu sämtlichen Richtungen dieser Kugel konnten Schallereignisse abgestrahlt werden. Die Hörer saßen kreisförmig etwas unterhalb der Äquatorebene. Der Fußboden bestand aus einem Gitterrost, sodass auch unterhalb der Besucher Schallprojektionen möglich waren, hier insbesondere für die tiefen Frequenzen. Über ein Kreuzsteckfeld wurden die Lautsprechergruppen kombiniert: punktuell, streifenförmig oder flächig.

Im Kugelauditorium richtete Erhard Grosskopf die Klangverteilung der sieben Audiospuren von Dialectics selbst ein und speicherte sie auf der freien Steuerspur von zwei mechanisch synchronisierten Vierspur-Perfomaschinen (Siemens »System Klangfilm«). Auf diese Weise programmiert, wurden die acht Versionen von Dialectics während der gesamten 180-tägigen Ausstellungszeit von März bis September 1970 aufgeführt.

Für die Studioarbeit in Utrecht hatte Grosskopf eine umfangreiche, mit Bleistift geschriebene Partitur von Dialectics vorbereitet, in der jede der sieben Klangspuren (A–G) detailliert in einem System notiert ist. Die Klangfamilien bestehen aus synthetischen Klängen, aus vielfältig verfremdeten Instrumentalklängen, aus Sprachklängen und aus drei dazu gespielten Blas- oder Streichinstrumenten (Hoch–Mittel–Tief). Inzwischen existiert von der Partitur auch eine Druckausgabe.

Die erste Version (5/8) auf der CD ist eine elektroakustische Abmischung aus den 7 originalen EXPO’70 Bandspuren, für die Grosskopf die Instrumentalstimmen mit den einzelnen Musikern beim Saarländischen Rundfunk vorab aufgenommen hatte. Eine Live Performance mit Musikern war von den Auftraggebern für Dialectics in Osaka nicht vorgesehen.

Live-Aufführungen von dem Werk gab es nach der EXPO’70 an verschiedenen Orten. Die Anweisung in der Partitur für die Positionierung im Raum gibt vor, dass die Instrumentalisten ein weit auseinandergezogenes Dreieck im Raum bilden, jeder Musiker zwischen zwei Lautsprechern. Die erste Live-Aufführung fand im selben Jahr 1970 beim NDR Hamburg statt, in der Version für 3 Bläser (1/8).

Der Titel Dialectics wurde inspiriert vom »Congress of the Dialectics of Liberation«, der 1967 in London stattfand. Aus den 1968 von David Cooper veröffentlichten Vorträgen extrahierte Grosskopf einen Gedanken von Stokely Carmichael: »They donate freedom – it means nothing – what they should do – is refrain from oppression«, auf den die Komposition Dialectics zum Ende hin zusteuert.

Prozess der Veränderung op. 12 (1971)
ist das erste rein elektronische Werk Grosskopfs. Die Möglichkeiten der spannungsgesteuerten Genese, also das Prozesshafte, sich selbst generierende Abläufe, werden hier auf subtil differenzierte Weise erkundet. Ein Denken in komplexen Klang- und Zeitprozessen, das bis heute auch die Instrumentalmusik Grosskopfs charakterisiert.

Prozess der Veränderung lässt synthetische Klänge und reale Stimmen verschiedener Sprachkulturen zunächst nebeneinander bestehen. Sie werden zunehmend vermischt, ausgetauscht und verwandelt, bis ein Sprung in eine neue klangliche Situation den Hörer im Ungewissen lässt, welche Klänge Natur, welche synthetisch sind. Diese prozessualen Veränderungen geschehen in fünf Stufen, fünf Abschnitten. Jede Stufe enthält vier Klang- und drei Sprachbänder. Beispielhaft erkennt man die Veränderungen in der dritten Stufe: Die Sprachschicht erscheint nur noch stark verfremdet. Veränderungen von Tonhöhe, Klangfarben und Amplituden der Klänge werden ausschließlich über die Sprachsignale spannungskontrolliert. In der letzten Stufe wird diese automatische Genese durchbrochen. Die traditionelle Montagetechnik des Tonband-Schneidens tritt, nahezu sich selbst zitierend, in den Vordergrund. Der letzte Schritt bei der Komposition des Werkes war die Aufteilung der sieben Bandspuren auf vier Kanäle, bestimmend war auch hier die Bewegung im Klangraum.

Prozess der Veränderung wurde beim beim Prix d’Italia 1972 ausgezeichnet.

Night Tracks op. 14 (1972)
ist, bildlich gesprochen, ein Gang durch einen großen Raum, der durch sechs sich gegenseitig steuernde Klangprozesse gebildet wird.

Zwei parallel laufende Tonbandschleifen (Loops), mit identischem Sprach-Klangmaterial, werden zeitgleich gestartet und sind zu Beginn synchron. Bedingt durch die analogen Tonbandmaschinen entstehen Prozesse, bei denen die Wortreihe sich zeitlich gegen sich selbst verschiebt: zusammenläuft, synchron läuft, auseinanderläuft, und obwohl das reale Tempo der Wortreihe gleich bleibt, gewinnt man den Eindruck von Tempoänderungen.

Mit Ausnahme der Sprache sind alle Klänge synthetisch erzeugt. Vier Klangprozesse wurden durch die Sprach-Loops gesteuert. So spiegeln die Dauern des orgelartigen Klanges die zeitliche Verschiebung wider. Dauern, Tonhöhen, Amplituden und Spektren synthetischer Klänge wurden durch mehrere gegeneinander verschobene Wortreihen gesteuert. Der sechste Klangprozess ist die langsame, in der Wahrnehmung aperiodische Veränderung der Teiltonzusammensetzung eines Basstons, die Grosskopf jedoch mit periodischen Mitteln erreichte: Jede der drei Filterungen einer Rechteckschwingung wiederholt sich periodisch.

Komplexe automatische Schaltungen, von Grosskopf im Utrechter Studio entwickelt, ließen es zu, beim Durchlauf der sechs Prozesse auf jegliche Schnitttechnik zu verzichten.

Die Wortreihe, vom Komponisten gesprochen, ist inspiriert vom Zeichen SUN (das Sanfte, der Wind, das Holz) aus dem chinesischen Buch der Wandlungen, I Ging: »Geruch – Arbeit – Tochter – Wellen – Schenkel – Hahn – ein Ende – kein Anfang – Änderung – 3 Tage – Kraft – Zeit – Klarheit – Wolken – Wurzeln – Holz – Wind – Sun«.

Martin Supper

Programm:

Erhard Grosskopf (*1934)

SprachKlang · VoiceSound
Elektroakustische Werke

[01] Dialectics Op. 9 für Magnetband und 3 Instrumentalisten (1969) 10:34

Auftragswerk der BRD für die EXPO’70 in Osaka
Version 5/8, Magnetband, Flöte, Viola, Posaune (7 Spuren)

Instrumente vorab aufgenommen im Saarländischer Rundfunk (SR)
7 Spuren produziert von Erhard Grosskopf am Institute for Sonology, Utrecht, 1969
Digitalisiert von Kees Tazelaar am Institute of Sonology, Den Haag, 2020
Stereo Mix der 7 EXPO’70 Spuren von Gregorio García Karman am Studio für Elektroakustische Musik, Akademie der Künste, Berlin, 2020

[02] Prozess der Veränderung Op. 12 (1971) 18:07

Elektroakustische Musik, 4 Spuren, Magnetband

Produziert von Erhard Grosskopf am Institute for Sonology, Utrecht, 1971
Digitalisiert von Kees Tazelaar am Institute of Sonology, Den Haag, 2020
Stereoreduzierung von Kees Tazelaar am Institute of Sonology, Den Haag, 2020

[03] Night Tracks Op. 14 (1972) 19:25

Elektroakustische Musik, 4 Spuren, Magnetband

Produziert von Erhard Grosskopf am Institute for Sonology, Utrecht, 1972
Digitalisiert von Kees Tazelaar am Institute of Sonology, Den Haag, 2020
Stereoreduzierung von Kees Tazelaar am Institute of Sonology, Den Haag, 2020

[04] Dialectics Op. 9 für Magnetband und 3 Instrumentalisten (1969) 10:35

Version 1/8, Magnetband (4 Spuren), Flöte, Klarinette, Posaune (live)
Instrumentalisten live auf der Bühne, NDR das neue werk
Studioproduktion: NDR Hamburg, Studio 10, 12. November 1970

Gesamtspielzeit: 58:54

Eberhard Blum, Flöte [01 & 04]
Hans Deinzer, Klarinette [04]
Vinko Globokar, Posaune [01 & 04]
Claude Lelong, Viola [01]
Erhard Grosskopf, Klangregie [01 & 04]

World premiere recordings

 

Pressestimmen:


04/2020

Harte Schnitte und kratzende, trockene Geräusche lassen erahnen, dass es sich um Aufnahmen aus einer Zeit handelt, als elektronische Musik noch bedeutete, an Potentiometern zu dre­hen, Rechteck- und Sägezahngeneratoren in Betrieb zu setzen und mechanisch Magnetbänder zu schneiden. Und doch sind in allen drei Werken Sprachklänge und Elektronik, in Dia­lectics auch drei Instrumentalstimmen feinsinnig miteinander verwoben. […] Die Aufnahmen sind historisch geworden, historisch jedoch allemal hochinteressant.

Dietrich Heißenbüttel

musikderzeit.de


01.07.2020

Neue Musik Aktuell

[…] Entstehungszeit dieser Musik Ende der 60er Anfang der 70er Jahre […] und da kann man sich heute kaum noch vorstellen, in einer Zeit, wo der Umgang mit den digitalen Medien selbstverständlich ist, und wo auch Elektronik ein ganz selbstverständlicher Teil von Musik und Konzert geworden ist, was es bedeutet hat, vor 50 Jahren elektroakustische Musik zu erarbeiten.

Einer der ersten, der sich systematisch damit beschäftigt hat, ist Erhard Grosskopf […] Er hatte einen Kompositionsauftrag erhalten für das Kugelauditorium der EXPO 1970 in Osaka. Dafür, aber auch noch einige Jahre länger, hat er im Institut für Sonologie in Utrecht gearbeitet. Und die Magnetbänder mit diesen Werken sind jetzt digitalisiert worden im Nachfolgeinstitut in Den Haag. Das hat noch geklappt, jedoch dann musste dieses Studio in Folge von Corona geschlossen werden.

Aber die digitalisierten Files konnten für die CD in der Akademie der Künste in Berlin gemastert werden. Die notwendige Kommunikation dazu funktionierte – wie könnte es anders sein – auf digitalem Wege. Und so können wir das jetzt endlich hören, z.B. ‚Dialectics‘ von Erhard Grosskopf, gemischt aus originalen Bandspuren der EXPO’70 […]

Andreas Göbel


03/2020

„SprachKlang“ hat Erhard Grosskopf die um ein halbes Jahrhundert verspätete Edition seiner elektro-akustischen Kompositionen genannt – „world premiere Recordings“ ergänzt stolz das Label. Wirklich grenzt die Veröffentlichung an ein Weltwunder. […]

Eleonore Büning

www.rondomagazin.de


16.06.2020

neue musik
Hören und Staunen! Aktuelle CDs mit Neuer Musik

„SprachKlang · VoiceSound“ heißt die CD mit Musik von Erhard Grosskopf, die einen Moment in der Entwicklung der Elektroakustischen Musik präsentiert, der legendär ist. Dieser Moment der Geschichte zeigt alles, was heute komponiert wird, in einem anderen Licht. Es ist eine Referenz, und deshalb gehört ein besonderer Dank dem Label NEOS von Wulf Weinmann, das sich die Mühe gemacht hat, alle Rechte zu klären und dieses Juwel der Geschichte auf den Markt zu bringen, für jedermann verfügbar. Ich ahne, dass die junge Generation sich darauf stürzen wird. […]

Margarete Zander

Link zur Sendung

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